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31.08.2026 3

DAS HALBMONDLAGER IM KAISSERREICH – FURKAN BIN ABDULLAH

DAS HALBMONDLAGER IM KAISSERREICH – FURKAN BIN ABDULLAH

DAS HALBMONDLAGER IM KAISSERREICH – FURKAN BIN ABDULLAH

Während des Ersten Weltkriegs entstand südlich von Berlin, in Wünsdorf bei Zossen, eines der ungewöhnlichsten Kriegsgefangenenlager des Deutschen Kaiserreichs: das sogenannte Halbmondlager. Wünsdorf gehört heute zum Land Brandenburg und liegt rund 40 Kilometer südlich von Berlin. Wegen seiner Nähe zur Hauptstadt wurde der Ort damals jedoch häufig als „Wünsdorf bei Berlin“ oder sogar als „Berlin-Wünsdorf“ bezeichnet.

 

Ein Lager für muslimische Kriegsgefangene

Im Halbmondlager wurden hauptsächlich muslimische Soldaten festgehalten, die zuvor in den Armeen Großbritanniens und Frankreichs gedient hatten. Unter ihnen befanden sich Araber aus Nordafrika, Westafrikaner sowie Soldaten aus dem damaligen Britisch-Indien. Neben Muslimen waren dort auch Hindus und Sikhs interniert. Im benachbarten Weinberglager bei Zossen wurden vor allem Tataren, Baschkiren, Georgier und andere Gefangene aus der russischen Armee untergebracht.

Das Lager war bereits Ende 1914 vorbereitet worden; im Februar 1915 wurde es auf Anordnung des Auswärtigen Amtes als besonderes Propagandalager eingerichtet. Zeitweise lebten im Halbmondlager ungefähr 4.000 – 12000 Gefangene. 

 

Die deutsche „Dschihad-Strategie“

Das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich waren im Ersten Weltkrieg Verbündete. Nachdem Sultan und Kalif Mehmed V. im November 1914 zum Kampf gegen Russland, Frankreich und Großbritannien aufgerufen hatte, versuchte die deutsche Regierung, muslimische Soldaten aus den Kolonialarmeen dieser Staaten zum Überlaufen zu bewegen.

Die Gefangenen sollten davon überzeugt werden, nicht länger für ihre britischen, französischen oder russischen Kolonialherren zu kämpfen. Im Idealfall sollten sie sich dem Osmanischen Reich anschließen oder nach ihrer Rückkehr Widerstand gegen die Kolonialmächte unterstützen.

Dazu gewährten die deutschen Behörden den Gefangenen bestimmte religiöse Freiheiten. Der Ramadan wurde berücksichtigt, Speisen sollten den religiösen Vorschriften entsprechen, und muslimische Prediger sowie Gäste aus dem Osmanischen Reich besuchten das Lager. Diese Behandlung war jedoch keineswegs nur ein Ausdruck religiöser Toleranz. Sie gehörte zu einer gezielten politischen und militärischen Strategie.

Der Versuch hatte nur einen begrenzten Erfolg. Ein Teil der Gefangenen erklärte sich zwar bereit, in das Osmanische Reich gebracht zu werden. Die Erwartungen der deutschen und osmanischen Stellen, daraus eine größere Bewegung gegen die Kolonialmächte entstehen zu lassen, erfüllten sich jedoch nicht.

 

Die Moschee von Wünsdorf

Das bekannteste Bauwerk des Halbmondlagers war die Wünsdorfer Moschee. Sie wurde am 13. Juli 1915, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan, feierlich eröffnet. Es handelte sich um einen auffälligen Holzbau mit Kuppel und einem ungefähr 23 Meter hohen Minarett.

Sie gilt als die erste Moschee in Deutschland, die tatsächlich für den dauerhaften islamischen Gottesdienst errichtet wurde. Frühere Gebäude im islamischen Stil – etwa die sogenannte Moschee im Schlossgarten von Schwetzingen oder das Dampfmaschinenhaus in Potsdam – waren keine wirklichen muslimischen Gotteshäuser. Ausgenommen davon ist nur der muslimische Gebetsraum in Potsdam, der 1739 im Königreich Preußen eröffnet wurde, indem die Muslime jahrzehntelang beteten. 

In der Wünsdorfer Moschee wurden somit im Kaiserreich die täglichen Gebete, das Freitagsgebet und die Festgebete verrichtet. Zu besonderen Anlässen kamen osmanische Würdenträger, Diplomaten, deutsche Offiziere und Mitarbeiter der „Nachrichtenstelle für den Orient“ in das Lager. Die Moschee war somit gleichzeitig ein religiöser Ort für die Gefangenen und ein öffentlichkeitswirksames Symbol der deutsch-osmanischen Zusammenarbeit.

 

Die Zeitung „El Dschihad“

Ein wichtiges Mittel der deutschen Propaganda war die Lagerzeitung „El Dschihad“, auch „Al-Jihād“ oder „Der Heilige Krieg“ genannt. Herausgegeben wurde sie von der in Berlin tätigen „Nachrichtenstelle für den Orient“, die mit dem Auswärtigen Amt und militärischen Stellen zusammenarbeitete.

Die erste Ausgabe erschien am 1. März 1915. Das Blatt wurde zunächst auf Arabisch, Tatarisch und Russisch veröffentlicht und in Abständen von ungefähr zwei Wochen ausgegeben. Die anfängliche Auflage soll rund 15.000 Exemplare betragen haben. Verteilt wurde die Zeitung im Halbmondlager und im benachbarten Weinberglager.

„El Dschihad“ enthielt Nachrichten über den Krieg, religiöse Texte, politische Aufrufe und Berichte, welche die deutsche und osmanische Seite günstig darstellen sollten. Vor allem sollten die Gefangenen davon überzeugt werden, dass ihr Dienst für Großbritannien, Frankreich oder Russland mit ihrer religiösen und politischen Zugehörigkeit nicht vereinbar sei.

Die Zeitung war deshalb keine unabhängige islamische Publikation, sondern ein gezielt kontrolliertes Propagandamittel. Die einzelnen Ausgaben mussten von deutschen Behörden geprüft werden. Der religiöse Begriff des Dschihad wurde dabei für die außenpolitischen und militärischen Ziele des Kaiserreichs instrumentalisiert. Wahrscheinlich erschien das Blatt bis zum Herbst 1918. 

 

Wissenschaftliche Untersuchungen an Gefangenen

Die Gefangenen wurden nicht nur Gegenstand politischer Propaganda. Deutsche Sprachwissenschaftler, Ethnologen, Anthropologen, Fotografen und Musikwissenschaftler nutzten das Lager für ihre Forschungen. Sie fotografierten die Männer, vermaßen ihre Körper und Köpfe oder zeichneten ihre Sprachen, Lieder und Erzählungen auf.

Im Lautarchiv der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin befinden sich noch zahlreiche Tonaufnahmen aus dieser Zeit. Diese Dokumente bewahren zwar Stimmen und Sprachen, die sonst möglicherweise verloren wären. Ihre Entstehung muss jedoch kritisch betrachtet werden, weil die aufgenommenen Männer Kriegsgefangene waren und sich in einem starken Abhängigkeitsverhältnis befanden.

 

Was geschah nach dem Krieg mit den Gefangenen?

Mit der deutschen Niederlage im November 1918 verlor das Halbmondlager seine ursprüngliche propagandistische Bedeutung. Die Gefangenen wurden jedoch nicht alle unmittelbar am Tag des Waffenstillstands freigelassen. Ihre Rückführung dauerte teilweise Monate oder sogar Jahre.

Die meisten Überlebenden wurden nach Kriegsende in ihre Herkunftsgebiete beziehungsweise in die Staaten zurückgebracht, deren Streitkräften sie angehört hatten. Für viele bedeutete dies allerdings keine freie Heimkehr im heutigen Sinne: Algerien, Tunesien, Marokko, Indien und zahlreiche afrikanische Gebiete standen weiterhin unter britischer oder französischer Kolonialherrschaft. Manche Gefangene mussten daher in genau jene politischen Verhältnisse zurückkehren, gegen die sie zuvor durch die deutsche Propaganda aufgerufen worden waren.

Einige ehemalige Gefangene und Internierte blieben zunächst in Deutschland. Noch 1919 zeigen Filmaufnahmen muslimische Männer beim Gebet vor der Moschee. Das ehemalige Lager wurde teilweise bis in die frühen 1920er-Jahre genutzt. Die Moschee diente zeitweise auch Muslimen aus Berlin, wurde wegen ihrer Baufälligkeit 1924 geschlossen und 1925/26 abgerissen.

 

Die Toten von Zehrensdorf

Nicht alle Gefangenen überlebten ihre Internierung. Krankheiten, die klimatischen Bedingungen, die lange Gefangenschaft und die allgemeine Versorgungslage während des Krieges forderten zahlreiche Todesopfer. Die Verstorbenen wurden auf dem Kriegsgefangenenfriedhof im ehemaligen Dorf Zehrensdorf nahe Wünsdorf bestattet.

Dort fanden Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion ihre letzte Ruhestätte: Muslime, Hindus und Sikhs aus Indien, nordafrikanische Soldaten sowie muslimische Tataren und Angehörige anderer Völker aus der russischen Armee.

Besonders gut dokumentiert sind die Gräber von 206 Soldaten und Seeleuten aus dem damaligen ungeteilten Indien. Sie waren als Angehörige der britisch-indischen Streitkräfte in deutsche Gefangenschaft geraten und während ihrer Internierung gestorben. Unter ihnen waren Muslime, Hindus und Sikhs. Der heute von der Commonwealth War Graves Commission betreute „Zehrensdorf Indian Cemetery“ wurde nach umfangreicher Wiederherstellung 2005 neu eingeweiht.

Außerdem befinden sich in Zehrensdorf die Ruhestätten von mehr als 400 Gefangenen aus der zaristischen Armee, von denen viele muslimische Tataren waren. Die französischen Behörden ließen die sterblichen Überreste zahlreicher französischer und nordafrikanischer Gefangener in den 1920er-Jahren exhumieren und auf andere Kriegsgräberstätten überführen. Deshalb sind heute nicht mehr alle ursprünglichen Gräber in Zehrensdorf vorhanden. 

 

Historische Bedeutung

Das Halbmondlager war gleichzeitig ein Ort religiösen Lebens, der Gefangenschaft, der kolonialen Geschichte, wissenschaftlicher Untersuchungen und politischer Propaganda. Die Moschee von Wünsdorf stellte einen bedeutenden Moment in der Geschichte des Islams in Deutschland dar. Sie wurde jedoch nicht aus einer dauerhaften deutschen Anerkennung des Islams heraus gebaut, sondern vor allem, weil sich das Kaiserreich davon einen militärischen Vorteil versprach.

Die Zeitung „El Dschihad“ zeigt besonders deutlich, wie Religion im Ersten Weltkrieg für politische Ziele eingesetzt wurde. Der Friedhof von Zehrensdorf erinnert dagegen an die einzelnen Menschen hinter dieser Strategie: an Soldaten aus Indien, Nordafrika, Russland und anderen Regionen, die fern ihrer Heimat in Gefangenschaft starben und in der brandenburgischen Erde beigesetzt wurden. Ihre Gräber gehören heute zu den wichtigsten sichtbaren Zeugnissen der muslimischen und kolonialen Geschichte Deutschlands.


Furkan bin Abdullah
Potsdam den 16.03.1448 / 29.08.2026

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