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23.08.2026 2

DAS KÖNIGREICH PREUSSEN UND DER ISLAM – FURKAN BIN ABDULLAH

DAS KÖNIGREICH PREUSSEN UND DER ISLAM – FURKAN BIN ABDULLAH

DAS KÖNIGREICH PREUSSEN UND DER ISLAM – FURKAN BIN ABDULLAH
 

Im 17. Jahrhundert standen Brandenburg-Preußen und das Osmanische Reich keineswegs dauerhaft in einem einfachen Freund-Feind-Verhältnis. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm suchte zeitweise sogar Annäherungen an Osmanen und Krimtataren, kämpfte später aber auf habsburgischer Seite gegen die Osmanen. 

Mit der Erhebung Preußens zum Königreich begann dann eine neue Phase.

Am 18. Januar 1701 krönte sich Friedrich III. von Brandenburg in Königsberg zu Friedrich I., König in Preußen.

Zu dieser Königskrönung kam Mektupçu Azmi Said Efendi als erster offizieller osmanischer Diplomat 1701nach Preußen.

Also schon ganz am Anfang des preußischen Königtums finden wir einen offiziellen osmanischen diplomatischen Kontakt der beiden Staaten.

 

Friedrich Wilhelm I. und die ersten muslimischen Soldaten

Unter Friedrichs Sohn, dem sog. „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., wird die Geschichte noch interessanter.

Im frühen 18. Jahrhundert kamen muslimische bzw. als „türkisch“ bezeichnete Soldaten nach Preußen. In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass muslimische Soldaten in der preußischen Garde ihren Glauben ausüben konnten und sogar einen eigenen Imam hatten. 

Besonders bedeutend für uns ist das Jahr 1739. Da wurde für die muslimischen Soldaten in Potsdam ein eigener Gebetsraum eingerichtet. Die Stadt Potsdam selbst bestätigt, dass muslimische Gebetsräume bereits unter Friedrich Wilhelm I. nachweisbar sind. 

Eine historische Untersuchung beschreibt ausdrücklich, dass die muslimischen Soldaten nicht zur Konversion gezwungen wurden, einen Imam aus ihren Reihen bestimmten und 1739 einen eigenen Gebetsraum erhielten. 

Das sollte man allerdings nicht mit einer großen freistehenden Moschee mit Kuppel und Minarett verwechseln. Es handelte sich um einen als muslimischen Gebetsraum eingerichteten Saal.

 

Friedrich der Große und muslimische Soldaten

Unter Friedrich II. dem Großen wurde diese Entwicklung fortgesetzt. 

1741 gelangte eine muslimische Reitereinheit von 73 Reitern in preußische Dienste. Daraus entwickelte sich eine frühe preußische Lanzenreiterformation. Später spielten muslimische Reiter aus tatarischen, bosnischen und anderen osteuropäisch-muslimischen Zusammenhängen eine Rolle in der preußischen Kavallerie. 1762 entstand beispielsweise ein Bosniakenkorps. Als Imam wird ein Leutnant Osman genannt. 

Das ist für die deutsche Islamgeschichte interessant, weil Muslime hier nicht erst als Arbeitsmigranten des 20. Jahrhunderts auftauchen. Es gab bereits im 18. Jahrhundert muslimische Militärangehörige innerhalb des preußischen Staates.

 

Friedrich II. sucht die politische Nähe zum Sultan

Nun wird aus der religiös-militärischen Geschichte zunehmend eine große Politik. Friedrich der Große befand sich in einer schwierigen europäischen Lage. Seine Hauptgegner waren zeitweise Österreich und Russland. Das Osmanische Reich war deshalb aus preußischer Sicht ein potentiell äußerst wertvoller Partner.

Friedrich schickte Karl Adolf von Rexin nach Istanbul, um offizielle Beziehungen aufzubauen und möglichst ein Bündnis mit den Osmanen zustande zu bringen. 

Das Ergebnis war zunächst kein Militärbündnis, jedoch am 22. März 1761 schlossen Preußen und das Osmanische Reich einen Freundschafts- und Handelsvertrag. Damit wurden die zuvor teilweise verdeckt betriebenen politischen Beziehungen offiziell. 

Dies sind eigentlich eines der wichtigsten Daten vom Beginn der ganzen Geschichte:

1701: früher offizieller diplomatischer Kontakt
1739: muslimischer Gebetsraum in Potsdam
1761: offizieller Freundschafts- und Handelsvertrag

 

1763 – Ahmed Resmî Efendi kommt nach Berlin

Ein weiterer Höhepunkt folgte unmittelbar danach.

Sultan Mustafa III. entsandte Ahmed Resmî Efendi als außerordentlichen Gesandten nach Berlin. Am 9. November 1763 zog die osmanische Gesandtschaft feierlich in Berlin ein. 

Ahmed Resmî war nicht irgendein Reisender. Seine Aufgabe bestand darin, die politischen Verhältnisse Preußens zu untersuchen und die Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit auszuloten. Er verfasste anschließend einen Bericht über seine Reise und seinen Aufenthalt in Preußen. Damit betrachteten nun auch osmanische Staatsmänner Preußen unmittelbar aus eigener Anschauung.

 

Friedrich der Große und religiöse Toleranz

Hierzu passt Friedrichs berühmtes Verständnis von staatlicher Religionspolitik. Er vertrat grundsätzlich die Auffassung, dass unterschiedliche Religionen im Staat geduldet werden sollten, solange ihre Anhänger ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllten. Daher schrieb Friedrich der Große im Jahr 1740 folgendes:

„Alle Religionen sind gleich und gut. Wenn nur die Leute ehrlich sind und es öffentlich bekannt geben. Und wenn die Türken und Heiden kämen wollten, um das Land zu bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“

Deshalb erscheint die Aufnahme muslimischer Soldaten nicht völlig überraschend. Man muss aber vorsichtig sein, daraus einen modernen Begriff von Religionsfreiheit abzuleiten. Friedrichs Toleranz war stark von Staatsräson und praktischem Nutzen geprägt.

Für seine Armee war entscheidend, ob jemand ein brauchbarer Soldat war, weniger, ob er Katholik, Protestant oder Muslim war. Friedrich dem Großen (Friedrich II.) starb am 17. August 1786 in Potsdam. Sein Grab befindet sich direkt am Schloss Sanssouci.

 

1797 – der erste ständige osmanische Botschafter

Der nächste entscheidende Schritt erfolgte unter Sultan Selim III.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unterhielt das Osmanische Reich traditionell keine dauerhaften Botschaften nach dem heutigen europäischen Modell. Das änderte sich unter Selim III.

Giritli Ali Aziz Efendi wurde 1796 zum ersten ständigen osmanischen Vertreter in Preußen ernannt und traf am 4. Juni 1797 in Berlin ein. Damit hatte das Osmanische Reich nun dauerhaft einen diplomatischen Vertreter in Berlin.

Ali Aziz Efendi starb bereits am 29. Oktober 1798 in Berlin. Sein Tod hatte eine bis heute sichtbare Folge. Sein Grab wurde später auf das Gelände verlegt, aus dem der Türkische Friedhof bzw. die heutige Türkische Şehitlik in Berlin-Neukölln hervorging.

Damit führt eine direkte historische Linie von der osmanischen Diplomatie des 18. Jahrhunderts zu einer heute noch bestehenden muslimisch-osmanischen Erinnerungsstätte Berlins.

 

1841–1843 – die „Moschee“ von Potsdam

Unter Friedrich Wilhelm IV. wurde 1841–1843 das berühmte Dampfmaschinenhaus an der Neustädter Havelbucht errichtet. Der damalige Architekt war Ludwig Persius. 

Es sieht wie eine Moschee aus – einschließlich eines minarettartigen Schornsteins –, war aber nie eine Moschee. Das ist ein wichtiger Unterschied zum Gebetsraum von 1739:

1739: tatsächlicher muslimischer Gebetsraum, aber äußerlich keine klassische Moschee.

1841–1843: äußerlich Moschee, aber tatsächlich ein Dampfmaschinenhaus.

Und genau diese Kombination macht Potsdam islamgeschichtlich und architekturgeschichtlich außergewöhnlich.

 

Orientalische Architektur als Teil der preußischen Landschaft

Das Dampfmaschinenhaus zeigt außerdem etwas anderes. Islamisch-orientalische Architektur wurde im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend als ästhetisches Element europäischer Schloss- und Gartenarchitektur verwendet. Das erklärt beispielsweise auch orientalisch bzw. „maurisch“ gestaltete Bauwerke und Innenräume in deutschen Schlossanlagen.

Das bedeutet nicht automatisch eine religiöse Hinwendung zum Islam. Vielmehr gehörte der „Orient“ zur europäischen Vorstellung von Exotik, Romantik und höfischer Repräsentation. In Potsdam ist das besonders interessant, weil dort reale muslimische Geschichte und orientalisierende Architektur nebeneinander existierten.

 

Das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich

Im späten 19. Jahrhundert erreichten die deutsch-osmanischen Beziehungen schließlich eine völlig neue Dimension. Besonders unter Kaiser Wilhelm II. und Sultan Abdülhamid II. wurden sie intensiviert.

 

Die ganze Entwicklung auf einen Blick

1701

Azmi Said Efendi – früher offizieller osmanischer Kontakt mit dem neuen Königreich Preußen 

1739

Muslimische Soldaten erhalten Gebetsraum in Potsdam 

1740er

Muslimische/tatarische Reiter in preußischen Diensten 

1761

Preußisch-osmanischer Freundschafts- und Handelsvertrag 

1762

Bosniakenkorps mit eigenem Imam 

1763

Ahmed Resmî Efendi als osmanischer Gesandter in Berlin und Ausbau der Beziehungen

1797

Ali Aziz Efendi wird ständiger osmanischer Vertreter in Berlin 

1841–43

Potsdamer Dampfmaschinenhaus im Moscheestil 

1898

Wilhelm II. auf Orientreise; Besuch am Grab Saladins 

1914

Deutsches und Osmanisches Reich als Verbündete

1915

Moschee im Halbmondlager Wünsdorf 

Wir können daher leicht erkennen, dass die Geschichte des Islams in Deutschland nicht erst mit der Arbeitsmigration des 20. Jahrhunderts beginnt, sondern ihre Spuren bereits bis in die Zeit der Entstehung und Entwicklung des Königreichs Preußen zurückreichen. Diese gemeinsame Geschichte sollten wir stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken und als einen Teil der deutschen Geschichte sichtbar machen. Wir sollten das Feld nicht jenen überlassen, die den Islam fortwährend als etwas Fremdes oder als Feindbild darstellen und dadurch eine künstliche Distanz zwischen der Bevölkerung und dem Islam schaffen.


Furkan bin Abdullah
Potsdam den 09.03.1448 / 22.08.2026

 

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