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03.03.2026 5

DAS ERWACHEN DES HERZENS - ʿABD AL-QĀDIR AL-JĪLĀNĪ

MAKTÛBÂT - BRIEF 06

DAS ERWACHEN DES HERZENS - ʿABD AL-QĀDIR AL-JĪLĀNĪ

Das Erwachen des Herzens

O du Edler,

In einem edlen Vers heißt es: 

اللَّهُ يَجْتَبِي إِلَيْهِ مَن يَشَاءُ

„…Allah erwählt, wen Er will…“ (Der edle Koran 42:13), dieser angeführte Vers, deutet auf die göttliche Ekstase (Jazbe) Soldaten. Eine solch Ekstase ist die größte Form göttlicher Hilfe und Gnade, die vom Schöpfer zum Geschöpf kommt. Beginne mit deiner Vorbereitung, denn eines Tages kann es auch dich ganz plötzlich erfassen. Demnach solltest du jetzt schon alles, was dafür getan werden muss, erfüllen. Wenn sie dann gekommen ist, kannst du nichts mehr machen, Jahre vergehen. Ohne eine jegliche Vorbereitung bleibst du immer zurück. Etwas sofort zu erwarten ist absurd. Erwirb dir zuerst wahrheitsgemäß diese Gnade, denn sie allein macht dich zu einem, der einzig der Wahrheit (Haqq) gehört. Sodann wird Er dich in Seine Ekstase (Jazba) aufnehmen. Und dann sieh, was geschieht. Dein Herz wird die bisher angedauerte Herrschaft vernichten und erniedrigen. Es macht seine Worte wirkungslos.

Das Ego senkt ihren sturen Kopf. Sie zügelt ihren Ehrgeiz und ihre Gier... Weißt du womit? Mit folgendem Vers: 

وَجَاهِدُوا فِي اللَّهِ حَقَّ جِهَادِهِ ۚ

„Und müht euch für Allah ab, wie der wahre Einsatz für Ihn sein soll…“ (Der edle Koran 22:78), und die Bedeutung dieses Verses... Gerade wegen dieses göttlichen Befehls wird dem rebellischen Ego der Zügel der Enthaltsamkeit angelegt.

Die aus leeren Begierden geborenen Ausschweifungen werden in das Gefängnis der Gottesfurcht (Taqwā) gesperrt und mit den Ketten des Kampfes (Mudschadala) gefesselt. Und wenn sich ein Gefühl von Sicherheit breitmacht, oder schlimmer noch, wenn dieses Sicherheitsgefühl pharaonisch ist, dann sei nicht traurig; Auch das wird bezwungen. Ihm wird sofort der Befehl erteilt:

أَطِيعُوا اللَّهَ وَأَطِيعُوا الرَّسُولَ

„…Gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten…“ (Der edle Koran 4:59)

Nachdem diese schlechten Neigungen unterdrückt worden sind, ist der Anstand an der Reihe. Natürlich... Was nützt es schon, diese nur einzusperren und mit Ketten zu fesseln, wenn man sie dann einfach sich selbst überlässt?

Jetzt ist es an der Zeit, Anstand und gutes Benehmen zu erlernen. Auch hierbei gibt es manches, das zerstört oder ins Brand gesetzte werden muss, doch alles für den Anstand. Habe keine Angst. Wenn dir etwas weggenommen wird, bekommst du dafür etwas Besseres an seine Stelle.

Das Leitprinzip, das in diesem Zusammenhang befolgt wird, ist folgender Vers: 

مَن يَعْمَلْ سُوءًا يُجْزَ بِهِ وَلَا يَجِدْ لَهُ مِن دُونِ اللَّهِ وَلِيًّا وَلَا نَصِيرًا ‎﴿١٢٣﴾

„…Wer Böses tut, dem wird es vergolten, und der findet für sich außer Allah weder Schutzherrn noch Helfer.“(Der edle Koran 4:123) Allen Willensregungen, Wünschen und freien Handlungen wird dabei ein einziger Satz ins Ohr geflüstert.

Wenn einmal die Soldaten der göttlichen Ekstase (Jazbe) einen Menschen betreten, dann bleibt weder Gewohnheit noch äußere Förmlichkeit bestehen. Sie werden alles vernichten... Verwirrende Zustände lösen sich auf und verschwinden. Widersprüchliche Stimmen verstummen, schwinden dahin. Und zwar vollständig…

Denn in dieses Land ist ein König eingezogen. Er hat das Alte verbrannt und dafür Neues und Besseres eingesetzt. Welch ein Herrscher betritt schon ein Land, ohne die alten Bräuche zu stürzen? Und wenn diese Bräuche auch noch niederträchtig und das Volk verdorben ist... Um genau das auszudrücken, spricht der Zustand selbst, durch die Sprache der Treue, folgenden Vers aus:

إِنَّ الْمُلُوكَ إِذَا دَخَلُوا قَرْيَةً أَفْسَدُوهَا وَجَعَلُوا أَعِزَّةَ أَهْلِهَا أَذِلَّةً ۖ

„…Wenn Könige eine Stadt betreten, verderben sie sie und machen die Mächtigen ihrer Bewohner zu Erniedrigten…“ (Der edle Koran 27:34)

All das, um die Reinheit zu erlangen… Alle Anstrengung dient dazu, dass das Herz die Reinheit gewinnt. Alles, was geschieht, geschieht nur deshalb: damit das Herz zu seiner ursprünglichen Reinheit zurückfindet.

Und der einzige Weg, um das zu erreichen, ist der Islam, also unsere Religion… Wer einen anderen Weg als den Islam sucht, um die wahre Reinheit seines Herzens zu finden, irrt sich. Er wird im Irrtum sein. Er wird seinen Weg nicht finden… Allah, der Erhabene, sagt nämlich:

وَمَن يَبْتَغِ غَيْرَ الْإِسْلَامِ دِينًا فَلَن يُقْبَلَ مِنْهُ وَهُوَ فِي الْآخِرَةِ مِنَ الْخَاسِرِينَ ‎﴿٨٥﴾

„Wer aber als Religion etwas anderes als den Islam begehrt, so wird es von ihm nicht angenommen werden, und im Jenseits wird er zu den Verlierern gehören.“ (Der edle Koran 3:85)

Das Herz wird von solchen Zweifeln gesäubert. Das Herzfeld wird von solchem Schmutz gereinigt. Und er wird von solchen Krankheiten befreit sein. Dann wird er den Garten der Seelenwelt betreten und parfümiert werden.

Der entscheidende Punkt ist, diesen Garten der Seelenwelt zu betreten. Nachdem Betreten streckt sich eine Hand aus, zeigt mit dem Finger und ruft:

أُولَٰئِكَ كَتَبَ فِي قُلُوبِهِمُ الْإِيمَانَ وَأَيَّدَهُم بِرُوحٍ مِّنْهُ ۖ

„…Jene hat Er den Glauben ins Herz geschrieben und sie mit Seinem Geist unterstützt…“ (Der edle Koran 58:22)

Feine Winde wehen aus göttlicher Richtung, dringen in diesen Garten ein und verbreiten ihren Duft in die reinen Herzen.

Dann beginnen die Lampen des Herzens mit dem Licht Allahs zu leuchten.

Gemäß dem Vers: 

وَاللَّهُ مُتِمُّ نُورِهِ

„…Allah wird Sein Licht vollenden…“ (Der edle Koran 61:8), brennt diese Lampe. Brennt… Brennt immer… Leuchtet… Und erhellt auch ihre Umgebung.

Wisst ihr, was dieses Licht am meisten erhellt? Ich erzähl es: Die Welt der Bezeugung, die im Vers:

يَوْمَ تُبَدَّلُ الْأَرْضُ غَيْرَ الْأَرْضِ

„…Da die Erde zu einer anderen Erde verändert werden wird…“ (Der edle Koran 14:48), beschrieben wird. Diese Lampe zeigt diese Welt der Bezeugung. Sie zeigt die dort aufflammenden Blitze.

Ferner verschwinden auch die Berge des Verlangens.

فَجَعَلْنَاهُ هَبَاءً مَّنثُورًا ‎﴿٢٣﴾‏

„…Wir machen sie zu verwehtem Staub.“ (Der edle Koran 25:23)

Ist äußerlich irgendetwas zu sehen? Gib diesen Dingen nicht umsonst einen Wert. Alles ist am Gehen und nach ihrem Nichts suchend. 

Wenn du fragen solltest „Was sind dann diese sichtbaren Berge und Hügel?“, wird dir die Sprache der Treue folgende göttliche Aussage übermitteln:

وَتَرَى الْجِبَالَ تَحْسَبُهَا جَامِدَةً وَهِيَ تَمُرُّ مَرَّ السَّحَابِ ۚ

„Und du siehst die Berge, von denen du meinst, sie seien unbeweglich, während sie wie Wolken vorbeiziehen…“(Der edle Koran 27:88)

Alles Vergängliche muss aufgelöst werden und vergehen. Sei es heute oder morgen. Dies ist notwendig für die vollkommene Offenbarung der Wahrheit (Hakk). Deshalb wird der Engel der Liebe, Israfil, dazu befohlen, in das Horn (die Posaune) zu blasen, und gemäß dem göttlichen Befehl: 

وَنُفِخَ فِي الصُّورِ

„…Und es wird ins Horn geblasen…“ (Der edle Koran 18:99), bläst er hinein… Sobald ein Ton von dem Horn zu hören ist:

فَصَعِقَ مَن فِي السَّمَاوَاتِ وَمَن فِي الْأَرْضِ إِلَّا مَن شَاءَ اللَّهُ ۖ

„…Da bricht zusammen, wie vom Donnerschlag getroffen, wer in den Himmeln und wer auf der Erde ist, außer wem Allah will…“ (Der edle Koran 39:68) Erst danach werden jene, die zu einem neuen, vollständigen Leben bestimmt sind, gerettet. Sobald sie erwachen, erscheint ihnen dieser göttliche Befehl:

لَا يَحْزُنُهُمُ الْفَزَعُ الْأَكْبَرُ

„Der größte Schrecken macht sie nicht traurig…“ (Der edle Koran 21:103)

Nun gibt es für sie weder Angst noch etwas, das Trauer bringt. Allah, der Erhabene, lädt sie durch die Sprache der Engel zu den Höhen ein. Dort weist Er ihnen einen Platz der Treue zu. Und wieder verkündet Er ihnen durch die Sprache der Engel:

بُشْرَاكُمُ الْيَوْمَ

„…Die frohe Botschaft für euch heute…“ (Der edle Koran 57:12) Die Tore des Paradieses der Glückseligkeit (Naʿīm) werden ihnen geöffnet. Und Er gibt folgenden Befehl:

سَلَامٌ عَلَيْكُمْ طِبْتُمْ فَادْخُلُوهَا خَالِدِينَ ‎﴿٧٣﴾

„…Friede sei auf euch! Gut wart ihr, so betretet ihn, ewig (darin) zu bleiben.“ (Der edle Koran 39:73)

Nachdem sie diese Segnungen erlangt haben, sprechen sie alle wie aus einem Munde folgendes Gebet:

الْحَمْدُ لِلَّهِ الَّذِي صَدَقَنَا وَعْدَهُ وَأَوْرَثَنَا الْأَرْضَ نَتَبَوَّأُ مِنَ الْجَنَّةِ حَيْثُ نَشَاءُ ۖ فَنِعْمَ أَجْرُ الْعَامِلِينَ ‎﴿٧٤﴾

„…(Alles) Lob gehört Allah, Der Sein Versprechen an uns gehalten und uns die Erde zum Erbe gegeben hat, so dass wir uns im Paradies aufhalten können, wo immer wir wollen! Wie trefflich ist der Lohn derjenigen, die (gut)handeln!“ (Der edle Koran 39:74)

 

Sayyid ʿAbd al-Qādir al-Jīlānī

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