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28.02.2026 61

DER WEG ZUR ERKENNTNIS UND AUFLÖSUNG - ʿABD AL-QĀDIR AL-JĪLĀNĪ

- MAKTÛBÂT - BRIEF 05

DER WEG ZUR ERKENNTNIS UND AUFLÖSUNG - ʿABD AL-QĀDIR AL-JĪLĀNĪ

Der Weg zur Erkenntnis und Auflösung

O du Edler, 

Erwarte den Aufgang der Sonne der Erkenntnis. Diese Sonne wird vom Himmel der Geheimnisse aufgehen. Sobald diese Sonne aufgegangen ist, werden die Gärten des Herzens im Licht erstrahlen. Das wahre Zentrum dieser Lichtquelle ist der Sinn des Verses: 

وَأَشْرَقَتِ الْأَرْضُ بِنُورِ رَبِّهَا

„Und die Erde wird im Licht ihres Herrn erstrahlen…“ (Der edle Koran 39:69) 

Der Suchende, der dieses Licht erreicht, wird selbstverständlich ein erfreutes Herz haben. Und es ist sein Recht, die in der Tiefe seiner Seele verborgenen Welten zu betrachten. Am Ende dieses Eintauchens werden die Schleier der Unwissenheit von den Augen des Verstandes und der Einsicht genommen. Aber weißt du, wie? Für welches Auge des Herzens? Möchtest du es verstehen? Natürlich möchtest du das; dann lies: 

لَّقَدْ كُنتَ فِي غَفْلَةٍ مِّنْ هَٰذَا فَكَشَفْنَا عَنكَ غِطَاءَكَ فَبَصَرُكَ الْيَوْمَ حَدِيدٌ ‎﴿٢٢﴾

„Du warst dessen ja unachtsam. Nun haben Wir deine Decke von dir hinweggenommen, so dass dein Blick heute scharf ist.“ (Der edle Koran 50:22)

Die Bedeutung dieses Verses wird wie ein Kajal in das Auge des Herzens gezogen... Welch ein Glück... Welch ein Glück...

Was es wohl alles sieht und was es wohl nicht alles bezeugt… Wenn auf das Auge des verborgenen, das göttliche Kajal gezogen wird, was wird es alles nicht bezeugen? Es genügt, dass dieses Kajal, nur einmal das Auge des Verstehens berührt.

Hiernach beginnt das Auge des Verborgenen ganz andere Dinge zu sehen. Es erlebt so außergewöhnliche Zustände, dass es von einer Verwunderung in die nächste gerät. Das Strahlen der heiligen Lichter, die es wahrnimmt, blendet es so sehr, dass das Öffnen erschwert.

Und was die Gedanken betrifft… Auch sie vollziehen eigenartige Vorgänge. Ihnen lösen sich die Geheimnisse der Welt des Transzendenten (Melekut). Die Kraft des Denkens wird von dem, was sie sieht, derart überwältigt, dass sie weder denken noch handeln kann.

Vielleicht kam er mit einer Bitte dorthin. Doch ohne es zu merken, tauchte er in das Tal der Liebe ein. Was kann schon jemand bewusst tun, der diesen Zustand erreicht hat?

Überwältigt vom Liebesrausch befindet er sich im Tal des Wunsches, doch begreift nicht, dass er sich in einem Zustand der Verwunderung befindet. 

In diesem Zustand wird er von einer anderen Kraft bewegt. Ehe er überhaupt begreift, was geschieht, findet er sich plötzlich in der Nähe des Heimatlandes der Wahrheit (Haqq). Er kann nicht einmal fragen: „Wie ist das geschehen?“ Er kann auch nicht sagen: „Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen?“ Der Zustand des inneren Entzückens hat ihn derart erfasst, dass er weder sein Tun noch seine Handlungen versteht. Er erkennt nicht einmal, von welchen Dingen er der Handlanger ist… 

Inmitten all dieser außergewöhnlichen Zustände kann ihn plötzlich auch eine Angst überkommen... Natürlich, vielleicht erwacht er für einen Moment aus diesem rauschhaften Zustand und denkt sich über diese Schönheiten: „Was, wenn mir all diese wieder genommen werden?“ Schließlich ist er nicht ständig im Zustand der Trunkenheit. Es gibt auch Momente der Nüchternheit. Und genau in diesen Momenten der Nüchternheit wird ihm bewusst, dass man sich niemals sicher vor Gottes Prüfung fühlen darf und wird traurig. Vielleicht empfindet er sogar ein Gefühl der Einsamkeit, sein Inneres zieht sich zusammen...

Aber… Aber wie sollte Allah, der Erhabene, der ihn bis zu diesem Rang erhoben hat, ihn nun enttäuschen? Natürlich tut Er das nicht. Wie sollte Er ihn in Kummer stürzen? Gewiss, Er stürzt ihn nicht hinein. Und dieses Gefühl der Einsamkeit… Dies wird Er ihm nimmer geben… Versetzte Er ihn in einem Zustand der Nüchternheit, so lässt Er im Herzen Seines Dieners die folgende göttliche Anrede mit sanfter Stimme erklingen:

إِنَّ اللَّهَ لَذُو فَضْلٍ عَلَى النَّاسِ وَلَٰكِنَّ أَكْثَرَ النَّاسِ لَا يَشْكُرُونَ ‎﴿٦١﴾

„…Allah ist wahrlich voll Huld gegen die Menschen. Aber die meisten Menschen sind nicht dankbar.“ (Der edle Koran 40:61)

وَهُوَ مَعَكُمْ أَيْنَ مَا كُنتُمْ ۚ

„…Und Er ist mit euch, wo immer ihr auch seid…“ (Der edle Koran 57:4)

Gemeinschaft, ja… Die Gemeinschaft mit den Dienern der Wahrheit (Haqq)…

Was für ein Wert hat schon der Diener angesichts der Macht und Größe Gottes? Außer wie ein Staubkorn im Himmel… Ein einzelnes Sandkorn in der endlosen Saharawüste… Nicht einmal das vielleicht… Nun fragt ihr vielleicht: „Welchen Wert hat der Diener in dieser Gemeinschaft überhaupt?“ Aber seid ja nicht verwirrt… Und wisset, dass es wahr ist. Wenn ich euch auf diese Frage mit einem einzigen Wort, nämlich „Nichts“, antworte, dann nimm es unverzüglich als die Wahrheit an.

Sollte der Mensch denn irgendeine Eigenexistenz haben oder gar etwas bewirken wollen, und das gegenüber der Allmacht Gottes? Nein, nein, alles wird ausgelöscht… Die Annahme der eigenen Existenz des Dieners stirbt. Besonders wenn der Diener den folgenden Befehl hört; 

وَلَا تَجْعَلُوا مَعَ اللَّهِ إِلَٰهًا آخَرَ ۖ

„Setzt neben Allah keinen anderen Gott…“ (Der edle Koran 51:5), löst er sich völlig auf. Er geht in die Auflösung (Fanā) ein, und nicht einmal ein Hauch der eingebildeten eigenen Existenz bleibt zurück. Nun könntet ihr fragen: „Wer soll das Verstehen? Und wer erreicht es?“ Dies ist in Wirklichkeit eine sehr wichtige Frage. Nun, wer verstehts und wer findet es?

Diese Frage ist von großer Bedeutung. Sie verdient es, darüber nachgedacht zu werden… Wenn du glaubst, der Mensch hätte aus sich heraus eine Kraft diesen zu erreichen, dann irrst du dich gewaltig. Es zeigt zudem, dass du von all den bisher beschriebenen Zustände, nichts verstanden hast… Wie schade… Du solltest dich in diesem Zustand zuerst mit dem Sinn des Verses beschäftigen:

لَيْسَ لَكَ مِنَ الْأَمْرِ شَيْءٌ

„Es ist gar nicht deine Angelegenheit (…)“ (Der edle Koran 3:128) 

Du solltest dir diesen Vers immer wieder durchlesen, und dich bemühen, zu begreifen, was damit wirklich gemeint ist.

Hüte dich davor, auch nur im Geringsten zu glauben, du könntest diesen Zustand durch eigene Anstrengung erreichen… Es ist ein Ozean des Tauhid. Wer mit dem Gedanken hineintaucht, er könne aus eigener Kraft etwas daraus gewinnen, den trifft sogleich eine Welle göttlicher Eifer, sodass er in das Meer der göttlichen Majestät geworfen wird.

Wenn ein Diener in solch einem Zustand versucht, sich aus dem weiten Ozean zu retten, und beginnt sich zu wehren, um mit eigener Kraft ans Ufer zu gelangen, dann gerät er in einen Strudel aus Verwirrung und Schrecken. Doch wenn Allah, der Erhabene, ihm die Erkenntnis der Wahrheit geschenkt hat, dann beginnt er demütig wie folgt zu flehen:

رَبِّ إِنِّي ظَلَمْتُ نَفْسِي فَاغْفِرْ لِي

„…Mein Herr, ich habe mir selbst Unrecht zugefügt; so vergib mir…“ (Der edle Koran 28:16)

Und erst dann erreichen den Diener die Reittiere göttlicher Gnade (die Hilfe des Erbarmens).

Durch die göttliche Ansage:

وَحَمَلْنَاهُمْ فِي الْبَرِّ وَالْبَحْرِ

„…Wir haben sie auf dem Festland und auf dem Meer getragen…“ (Der edle Koran 17:70), wird er von allen Gefahren bewahrt… Und gemäß der Ansage: 

نُصِيبُ بِرَحْمَتِنَا مَن نَّشَاءُ ۖ

„…Wir treffen mit Unserer Barmherzigkeit, wen Wir wollen…“ (Der edle Koran 12:56), führt Er ihn schließlich in das wohlgefälligste, sichere Heim.

Während all diese Zustände geschehen, ist vom Selbst des Dieners nichts mehr übriggeblieben. Er hat sich vollständig der Wahrheit (Haqq) ergeben…

Gemäß dem Wort: 

أَلَا إِنَّهُ بِكُلِّ شَيْءٍ مُّحِيطٌ ‎﴿٥٤﴾‏

„…Sicherlich, Er umfasst alles.“ (Der edle Koran 41:54), fällt auch diesem Diener ein gewisser Anteil zu. Die Schlüssel zu den Toren der verborgenen Welt, der Welt der Geheimnisse, werden ihm übergeben…

Von da an liegt das Ziel klar vor ihm: 

وَاللَّهُ عِندَهُ حُسْنُ الْمَآبِ ‎﴿١٤﴾‏

„…Die endgültige Heimstatt ist bei Allah.“ (Der edle Koran 3:14). Dieser Vers ist ein eindeutiges Zeichen für ihn. Und dieses Zeichen versteht er nun makellos und sehr gut…

Denn ihm wurde die Methode der Entschlüsselung der Bedeutung gelehrt. Er weiß, was Eingebung (Ilham) ist, und was Offenbarung (Wahi) in ihrem wahren Sinn bedeutet. Weil ihm die Bedeutung des erhabenen Verses: 

فَأَوْحَىٰ إِلَىٰ عَبْدِهِ مَا أَوْحَىٰ ‎﴿١٠﴾

„Da gab Er Seinem Diener (als Offenbarung) ein, was Er eingab.“ (Der edle Koran 53:10), eröffnet wurde.

Und dann - ja, danach beginnt er, die verborgenen Zeichen im Innersten dieses Verses zu erschließen:

لَقَدْ رَأَىٰ مِنْ آيَاتِ رَبِّهِ الْكُبْرَىٰ ‎﴿١٨﴾

„Wahrlich, er sah von den Zeichen seines Herrn die größten.“ (Der edle Koran 53:18)

Möge Allah, der Erhabene, das Erreichen dieser Zustände uns allen gewähren…

Amin!
 

Sayyid ʿAbd al-Qādir al-Jīlānī

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