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22.09.2026 27

DER KONSENS IM QĀDIRIYYA ORDEN – FURKAN BIN ABDULLAH

DER KONSENS IM QĀDIRIYYA ORDEN – FURKAN BIN ABDULLAH

DER KONSENS IM QĀDIRIYYA ORDEN – FURKAN BIN ABDULLAH
 

Die Qādiriyya besitzt keine zentrale Weltleitung und deshalb auch kein überall verbindliches „Grundgesetz“. Im breitesten historischen Konsens lassen sich ihre Fundamente jedoch so zusammenfassen:

  1. Koran und Sunna

Der geistige Weg darf der Scharia nicht widersprechen. ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī betonte immer wieder, dass jede spirituelle Erfahrung an Koran und Sunna geprüft werden müsse.

  1. Reiner Tauḥīd

Alle Anbetung gilt ausschließlich Allah. Das Herz soll sich von der Abhängigkeit von Geschöpfen lösen und vollständig Allah zuwenden. Tawakkul bedeutet dabei Vertrauen auf Allah bei gleichzeitiger Erfüllung der eigenen Pflichten.

  1. Aufrichtige Reue – Tawba

Der Weg beginnt mit der Abkehr von Sünden, der Wiedergutmachung von Unrecht und dem festen Entschluss, Allah gehorsam zu sein. Ohne beständige Tawba gibt es keinen echten Sulūk.

  1. Einhaltung der Scharia

Dazu gehören besonders:

  • die fünf Gebete 
  • erlaubter Lebensunterhalt 
  • Meidung des Verbotenen 
  • Erfüllung der Rechte anderer 
  • Pflichtwissen über Glauben und Gottesdienst 

Die Qādiriyya ist keine eigenständige Rechtsschule. Obwohl ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī hanbalitischer Gelehrter war, finden sich unter den Qādirīs Anhänger aller vier sunnitischen Madhāhib.

  1. Dhikr Allahs

Der beständige Dhikr ist ein zentrales Mittel zur Reinigung des Herzens. Besonders verbreitet sind:

  • Lā ilāha illā Allāh
  • der Name Allāh
  • Istighfār
  • Ṣalawāt über den Propheten ﷺ 
  • Koranrezitation

Je nach Qādirī-Zweig wird der Dhikr leise oder hörbar, einzeln oder gemeinschaftlich durchgeführt.

  1. Ichlās – Aufrichtigkeit

Gottesdienst, Wissen, Predigt und spirituelle Übungen sollen allein für Allah erfolgen. Streben nach Ansehen, Wundern, Rang oder Einfluss gilt als Krankheit des Herzens.

  1. Mudschāhada und Läuterung der Seele

Der Schüler arbeitet gegen Hochmut, Neid, Gier, Zorn, Heuchelei und übermäßige Weltliebe. Zu den Mitteln gehören Fasten, Nachtgebet, wenig unnötiges Reden, Selbstprüfung und freiwilliger Gottesdienst. Dabei ist keine Zerstörung des Körpers gemeint, sondern eine disziplinierte Erziehung des Nafs.

  1. Ṣuḥba und geistige Unterweisung

Traditionell wird der Weg unter Anleitung eines vertrauenswürdigen Scheichs oder Muršids gegangen. Dieser muss Wissen, Gottesfurcht, guten Charakter und eine anerkannte Überlieferungslinie besitzen. Blinder Gehorsam gegenüber einem Menschen gehört nicht zu den notwendigen Fundamenten.

  1. Bayʿa und Silsila

Die Bayʿa ist das persönliche Versprechen, Allah gehorsam zu sein, Sünden zu meiden und den geistigen Weg ernsthaft zu beschreiten. Die Qādirī-Silsila führt über ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, seine geistigen Vorgänger und gewöhnlich über ʿAlī ibn Abī Ṭālib zum Propheten Muhammad ﷺ.

Die eigentliche Bindung gilt dabei Allah und Seinem Gesandten; der Scheich ist Lehrer und Erzieher, kein Gegenstand der Anbetung.

  1. Adab und guter Charakter

Zu den wichtigsten Merkmalen eines Qādirī gehören:

  • Demut 
  • Geduld 
  • Wahrhaftigkeit
  • Barmherzigkeit
  • Großzügigkeit
  • Vergebung
  • Respekt gegenüber Eltern, Lehrern und Muslimen 
  • Verzicht auf Streit und Selbstüberhöhung 

Der Erfolg des Sulūk zeigt sich daher nicht zuerst an außergewöhnlichen Zuständen, sondern am verbesserten Charakter.

  1. Dienst an den Menschen

Speisung Bedürftiger, Unterstützung von Armen, Gastfreundschaft, Versöhnung und Fürsorge für die Gemeinschaft gehören zur klassischen Qādirī-Tradition. Spirituelle Entwicklung soll den Menschen nützlicher und nicht weltfremder machen.

  1. Beständigkeit statt außergewöhnlicher Erlebnisse

Visionen, Ekstase und Karāmāt bilden nicht das Fundament der Qādiriyya. Entscheidend sind Istiqāma, Pflichtgebete, erlaubtes Handeln und ein gereinigter Charakter. Sinngemäß lautet ein Grundsatz, der ʿAbd al-Qādir zugeschrieben wird:

Fliege nicht mit jemandem in der Luft, bevor du geprüft hast, wie er zu den Geboten und Verboten Allahs steht.

Kurz zusammengefasst:

Tauḥīd – Koran und Sunna – Scharia – Tawba – Dhikr – Ichlās – Läuterung des Nafs – Ṣuḥba – Adab – Dienst an den Menschen – Istiqāma.

Bestimmte Gewänder, Fahnen, Musikformen, besondere Körperbewegungen oder regionale Zeremonien sind dagegen keine allgemein anerkannten Fundamente der gesamten Qādiriyya. Sie gehören gegebenenfalls zu einzelnen Zweigen und Kulturräumen.

 

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