GESCHWISTERLICHKEIT / BRÜDERLICHKEIT IM ISLAM

In einer Überlieferung des Gesandten Muhammad heißt es: „Ein Muslim ist des anderen Bruders bzw. Schwester.“

02-08-2017

Alles Lob und Dank gebühren Allah dem Herrn der Welten. Heil und Friede seien auf allen Propheten und auf den letzten Propheten Muhammad.

Menschenbeziehungen sind unterschiedlich und doch haben sie eins gemeinsam: Durch sie hat man das Gefühl, man gehört zu etwas oder zu jemandem. Denn, schauen wir uns das Wort „Beziehung“ etwas genauer an, stellen wir fest, dass darin der Begriff „ziehen“steckt. Weitergesponnen heißt das, dass wir in unserem Leben an einem bestimmten Punkt stehen und entweder ziehen wir an oder wir werden angezogen. Wir fühlen uns einer Idee, einem oder einer Gruppe von Menschen näher und teilen die gleiche Vorstellung oder Überzeugung.
Eine dieser Beziehungen, die vor allem für uns Muslime wichtig ist, ist die religiöse Beziehung, die mit dem Begriff „Geschwisterlichkeit“ konnotiert ist und im Arabischen „Uchuwwa“ bedeutet.

Der Islam schätzt diese Art von Beziehung sehr und so lesen wir im Quran, in Sure 49, Vers 10:

إِنَّمَا الْمُؤْمِنُونَ إِخْوَةٌ

"Wahrlich, diejenigen, die den Iman verinnerlichen sind Geschwister."


In einer Überlieferung des Gesandten Muhammad  heißt es:
Ein Muslim ist des anderen Bruders bzw. Schwester.“

Um im Folgenden die Thematik zu beleuchten, fragen wir uns, welche Merkmale hat Geschwisterlichkeit im Islam? Und, Welche Rechte bzw. Pflichten ergeben sich daraus?

Zunächst aber noch ein klärender Hinweis aus linguistischer Sicht. Der oben erwähnte arabische Begriff „Uchuwwa“ wird nicht selten mit „Brüderlichkeit“ übersetzt. Dies ist jedoch unpräzise und Bedarf einer Korrektur, da er sowohl Männer als auch Frauen umfasst. Daher plädieren wir dafür diesen Begriff richtigerweise mit „Geschwisterlichkeit“ und nicht mit „Brüderlichkeit“ aus dem Arabischen zu übertragen.

Geschwisterlichkeit um Allahs Willen

Zu den Merkmalen von Beziehungen gehört es, dass sie auf Gegenleistungen aufbauen. Nicht aber so im islamischen Verständnis dieses Beziehungskonzepts. Die einzige Grundlage auf die Geschwisterlichkeit aufbaut ist Allah. Das bedeutet konkret, dass wir die Beziehung zueinander nicht wegen materiellem Profit aufrechterhalten, sondern, weil uns der Islam verbindet. Die Uchuwwa soll dazu bewegen einander mit Respekt zu behandeln und zu Rechtschaffenheit zu verhelfen.
Als einmal der Gesandte Allahs   mit seinen Gefährten   zusammensaß, schärfte er jedem von ihnen ein: „Hilf deinem Bruder - egal, ob er im Recht oder im Unrecht ist.“ Die Gefährten   schauten ihn verblüfft an und meinten: „Oh Gesandter Allahs, wir verstehen, wenn wir ihm helfen sollen, wenn er im Recht ist. Wie aber sollen wir ihm helfen, wenn er im Unrecht ist?“ Der Prophet erwiderte: „In dem du ihn davon abhältst Unrecht zu begehen.“

Pflichten und Rechte

Es reicht somit nach dem Konzept der Geschwisterlichkeit im Islam nicht, dass wir zueinander Bruder oder Schwester sagen. Vielmehr ergeben sich daraus Pflichten und Rechte. In der Tat bevorzugen wir es in diesem Zusammenhang, entgegen dem eigentlichen Gebrauch im Deutschen, zunächst mit den Pflichten zu beginnen und dann die Rechte zu erwähnen. Dies jedoch aus einem sehr einfachen Prinzip: Nur dann, wenn ich meiner Pflicht nachkomme, verdiene ich mir das Recht auf etwas und nicht anders herum.

Ein besonderes Beispiel ergibt sich auf der Geschichte der Muhajirin und Ansar, die die Geschwisterlichkeit in ihrer vollen Pracht erlebten. Als die Muhajirin von Mekka nach Medina auswanderten und ihre Besitztümer von den Quraisch in Mekka an sich gerissen wurden, da haben Ansar aus Liebe zu Allah und aus Verbundenheit zu den Neuankömmlingen ihren Besitz mit ihnen geteilt, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Die Muhajirin wiederum nahmen dieses Angebot zwar an, versuchten sich jedoch schnell in Medina zu integrieren, selbständig zu werden, um die Medinenser nicht auf der Tasche zu liegen, wiederum aus Liebe zu Allah und zu den Ansar. Sicher eine anzustrebende Art der Beziehung auch heute.


Wünsche dem anderen was Du Dir wünschst

Der Gesandte Allahs   hat gesagt:
keiner von euch wird den Iman verinnerlichen bis er für seinen Bruder und seiner Schwester das wünscht, was er für sich selbst wünscht.“

Haben wir tatsächlich ein solches Niveau in unseren Beziehungen zu unseren Geschwistern erreicht?


Füge anderen kein Schaden zu

In einem anderen Hadith heißt es:
„Ein Muslim ist des anderen Bruders. Er läßt ihn nicht im Stich, belügt und unterdrückt ihn nicht. Ein jeder von euch ist für den seinen Bruder ein Spiegel. Wenn er einen Schaden erblickt, soll er ihn beseitigen.“

Der Gefährte Abu Huraira hat hierzu den Gesandten Allahs sagte:
"Beneidet euch nicht, treibt miteinander keinen Wucher, hasst euch nicht, flieht nicht voreinander, übervorteilt euch nicht beim Handel und seid Diener Allahs, seid Geschwister! Der Muslim ist dem anderen Muslim ein Bruder. Er unterdrückt ihn nicht, er lässt ihn nicht im Stich, und er erniedrigt ihn nicht.“

Über die Pflichten und Rechte dieser Art von Beziehung wurden Bände geschrieben. Wir aber begnügen uns mit diesen wenigen Grundlagen der „Uchuwwa“ und stellen fest, dass wir alle unterschiedliche Beziehungen haben, seien sie verwandtschaftlicher, nationaler, sprachlicher Natur oder sonst irgendwie, jedoch dürfen diese unsere muslimische Geschwisterlichkeit nie beeinträchtigen, da wir uns für diese bewusst entscheiden und auf die Liebe zu Allah basieren. Schlussendlich hat jede Beziehung ein Recht darauf gut gepflegt zu werden.

 

Autor: Mbarek Kounta

 


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