DER SINN DES LEBENS

26-03-2021

Der Sinn des Lebens

 

Der Mensch lebt auf dieser Welt verwoben in einem Zusammenhang, in dem er allen Gegenständen und Geschöpfen um ihn herum einen Sinn zuschreiben kann. Alles in der Natur ist miteinander verbunden, um Leben zu ermöglichen. Nur mit der Frage nach seinem eigenen Sinn tut er sich schwer. Wenn doch alles Sinn macht, wenn alles in deutlicher Harmonie miteinander besteht, dann ist es unsinnig, sich selbst, das menschliche Leben insgesamt oder die gesamte Realität als sinnlos und „eben einfach existierend“ abzustempeln. 

Die Mehrheit sucht aber nach einem Sinn des Lebens. Sollte der Mensch ernsthaft nach dem Sinn/Ziel von etwas fragen, dann wird er vor zwei M­öglichkeiten stehen:

a) Instrumentalsinn; etwas hat den Sinn, etwas anderes zu bewirken, zu erleichtern, ein Bed­ürfnis zu befriedigen. Damit ist es ein untergeordnetes Glied in einer Kausalkette.

b) Letztsinn; es findet Sinn in sich und man kann nicht mehr weiterfragen.

Wenn der Mensch die Frage nach Sinn oder Ziel des Lebens beantworten will, kann er mit a) antworten und nach einem Instrumentalsinn suchen. Dann ist das Leben ein Mittel etwas anderes, h­öheres, folgendes in der Kausalkette zu bewirken. 

Beispiel: der Sinn des Lebens ist Glü­ck zu spü­ren, der Sinn des Lebens ist Schmerz zu beseitigen, etc. Das Problem dabei ist, dass die ganze Kausalkette unlogisch wird, weil der Sinn einer Sache in solchem gefunden wird, das gar nicht existieren würde, wenn auch nicht dass existieren würde, dessen Sinn erfragt wird. Ohne den Menschen g­äbe es nämlich nicht die Mö­glichkeit Glü­ck zu empfinden, es gä­be keinen Schmerz, etc. Warum also sollte der Mensch geschaffen sein, um ein Problem zu beseitigen, das ohne ihn gar nicht existieren würde? 

Genauso unlogisch und schwachsinnig ist es zu behaupten, dass der Instrumentalsinn eines Roboters darin liegt, dass dieser sich selbst kleidet, sich selbst die Schuhe bindet oder sich selbst repariert. Dadurch wird der Sinn des Roboters in der Befriedigung eines Bed­ürfnisses gefunden, das gar nicht ohne den Roboter existieren w­ürde.

Gefragt ist aber nach dem Sinn des ganzen Zusammenhangs und nicht nach einem logischen Zirkelschluss. Deshalb liegt der Sinn eines Roboters als auch eines jeden anderen Instruments darin, etwas außer sich liegendes zu bewirken, dass der Roboter beispielsweise seinem Erfinder die Schuhe bindet, ihn kleidet, oder ihn verarztet.

Sollte nach dem Sinn des Lebens und eine solche Instrumentalantwort gesucht werden, dann darf nicht solch ein Zirkelschluss gezogen werden. Es muss etwas H­öheres als das menschliche Leben anerkannt werden, wobei das Leben des Menschen fü­r einen hö­heren Zweck instrumentalisiert werden muss, der schon selbst der Endzweck ist oder zumindest zum Endzweck fü­hrt.

Viele religionsä­hnliche Ideologien gehen folgende Wege: Der Faschismus sieht im Sinn des Lebens die H­öherentwicklung der Rasse, der Sozialdarwinismus in der Ausmerzung der Schwä­cheren, der Sozialismus sieht die Vollendung des menschlichen Daseins erst in der klassenlosen Gesellschaft, bis dahin dient menschliches Leben nur der Vorbereitung dieser Ordnung. Der Pharao ­Ägyptens degradierte seine Untertanen zu Arbeitern, die nur f­ür sein eigenes ewiges Leben Pyramiden errichten sollten. G­ötzendiener opfern, um ihre Gö­tter zufrieden zu stellen. 

Sofern nichts Hö­heres als den Menschen anerkannt wird, wird damit die Suche nach einem instrumentellen Zweck des Menschen verweigert und erklärt somit den Menschen zum höchsten Ziel (wie oben beim Punkt b).

Damit ist der Mensch quasi sein eigener Gott, das letzte Glied in einer Kausalkette. Der Humanismus geht diesen Weg und ist augenscheinlich darum bemüht, den Menschen vor einer Instrumentalisierung durch dunkle Ideologien zu schützen. Das Menschliche Leben darf nicht in den Bereich des Nutzdenkens gezogen werden, wie es Rassendenken und Machtideologien tun. Auch gegen die monotheistische Religion richtet sich dieser humanistische Gedanke, denn nach der Kritik leitet der Monotheismus den Menschen an eine höher stehende Kraft. 

Angenommen der Mensch sieht sich als letztes Glied der Kausalkette, ohne dabei ein höheres Ziel anzusehen, dann wird alles um ihn herum zum Instrument für ihn. Die Natur wird beispielsweise ausgebeutet, so lange ein Nutzen profitiert werden kann. Wenn nach langer Ausbeutung der Schaden für das menschliche Leben selbst sichtbar wird, dann erst werden Maßnahmen zur Bewahrung der Natur eingeleitet. Die Natur wird jedoch nur geschützt, weil sie dem obersten Ziel, d.h. dem Menschen, dient, und nicht weil die Natur einen ihr innewohnenden Sinn und ein eigenes Recht hätte. 

Diese Instrumentalisierung von allem, ist die logische Folge, wenn der Mensch sich selbst ohne eine übergeordnete Macht an die Spitze der Schöpfung stellt.

Der Islam sieht das Ziel bzw. den Lebenssinn des Menschen in der Anbetung Allahs. Der Mensch ist also kein Selbstzweck wie im Punkt b). Die Gefahr der Instrumentalisierung ist nicht gegeben, da die Anbetung Allahs für Allah nicht von Nutzen ist. Der Mensch ist also kein Werkzeug, kein Glied in einer Kausalkette, um für Allah einen Nutzen hervorzubringen. Da Allah die menschliche Anbetung nicht braucht, unabhängig und bedürfnislos ist, stellt die Anbetung für den Menschen eine Ehre da. Der Mensch wird zum Diener des Höchsten, ohne dass dieser Höchste, Allah, Sich Seiner bedient. Der Mensch steht durch sein Bewusstsein in der um ihn herumliegenden Schöpfung am höchsten, da er befähigt ist, alles auf seine Funktion und seine Mittel-Zweck-Beziehung hin zu untersuchen. Der Mensch ist im Islam weder Instrumentalzweck (da er kein Instrument für Allah ist) noch ein Endzweck in sich.

Der Islam verhindert die Instrumentalisierung der restlichen Schöpfung durch den Menschen, indem er den Menschen als einen Kalifen auszeichnet. Der Mensch ist ein von Allah auserwählter Kalif. Dadurch hat er eine gewaltige Ehre und Verantwortung, während ihm gleichzeitig der Rest der Schöpfung nur anvertraut ist. Instrumentalisieren darf er nur im begrenzten Rahmen, wie es ihm seine von Allah eingegebene Natur gestattet. Ein Tier beispielsweise darf nur geschlachtete werden, um den Hunger zu stillen und nicht wie in der heutigen Zeit, die Industrie mit der Massenproduktion Geld machen. Tiere werden in der industriellen Massentierhaltung nicht artgerecht gehalten. Sie werden auf engstem Raum gehalten, wesentliche Grundbedürfnisse werden ignoriert, ihre Bewegungsfreiheit wird stark eingeschränkt, um trotz unpassender Haltung die Tiere leistungsfähig zu erhalten, wird ihnen eine häufig routinemäßige Abgabe von Antibiotika verabreicht, uvm.

Insofern stehen Mensch und Rest der Schöpfung in gewisser Weise auf einer ähnlichen Stufe, da beide erschaffen sind und somit Geschöpfe Allahs sind. Gleichzeitig erhält der Mensch seine Würde durch Allah, da er von Allah als Statthalter (Kalif) eingesetzt wurde. 

وَإِذْ قَالَ رَبُّكَ لِلْمَلَائِكَةِ إِنِّي جَاعِلٌ فِي الْأَرْضِ خَلِيفَةً ۖ

„Und als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich bin dabei, auf der Erde einen Statthalter einzusetzen“ (…)“ (Der edle Koran 2:30)

Er übernimmt demnach die Aufgaben, die ihm Allah, Der das letzte Ziel der Schöpfung ist und zu Dem alles zurückkehrt, zugewiesen hat. Die Rolle des Menschen ist somit durch Ehre und Würde wie unter Punkt b) und gleichzeitig durch Bescheidenheit wie unter Punkt a) gekennzeichnet. Jedoch vermeidet es die beiden Möglichkeiten, den Menschen zum Instrumentalzweck zu erniedrigen oder zum Selbstzweck zu vergöttern.

Die Tatsache, dass alles im Machtbereich des Menschen liegende von ihm zum Werkzeug gemacht werden kann, ohne dass dies weiß, wie es benutzt wird, verleiht ihm die Würde. Ein Hammer beispielsweise, dessen sich der Mensch bedient, ist tote Materie und merkt nicht, dass er ein bloßes Werkzeug ist. Ein Tier, welches der Mensch jagt und schlachtet, wehrt sich mit Zähnen und Krallen, nur um sein Leben zu retten, nicht weil es sich instrumentalisiert, benutzt oder funktionalisiert vorkommt. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dass merkt, wenn es zum Glied in einer Kausalkette wird und wenn sich eine andere Macht seiner bedient. Diese Macht kann nur Allah sein, Der ihn auch tatsächlich als Diener anspricht, ohne Sich seiner zu bedienen. Dies ist eine Tatsache, die der Mensch sonst nicht kennt: alles Höhere instrumentalisiert Niedrigeres. Diener bedienen Höherstehende. Bei Allah ist es aber anders: Er erklärt den Menschen zu Seinem eigenen Diener, ohne etwas dafür zu bekommen, im Gegenteil und belohnt ihn noch dafür. Allah gibt, ohne zu bekommen. Er macht den Menschen zu Seinem Diener, ohne dass der Diener von Ihm Ungerechtigkeit oder Maßlosigkeit fürchten muss. Er ernennt ihn zum Kalifen, womit Er dem Menschen die Fähigkeit zugesprochen hat, Allahs Ordnung bzw. Gesetzte auszuführen. Er lässt ihn diese Aufgaben ausführen und belohnt ihn zusätzlich dafür, obwohl er diese Aufgaben auch selbst tun könnte durch seinen bloßen Willen.

Allah sagt im Koran über den Erschaffungsgrund des Menschen:

وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْإِنسَ إِلَّا لِيَعْبُدُونِ ﴿٥٦﴾

„Und Ich habe die Jinn und die Menschen nur (dazu) erschaffen, damit sie Mir dienen.“ (Der edle Koran 51:56)

 

Diese Anbetung wird in Sure Yasin als der gerade Weg (siraat mustakim) beschrieben: 

وَأَنِ اعْبُدُونِي ۚ هَـٰذَا صِرَاطٌ مُّسْتَقِيمٌ ﴿٦١﴾

„und dass ihr Mir dienen sollt?, – das ist ein gerader Weg!“ (Der edle Koran 36:61)

 

In Sure Fatiha beschreibt Allah den geraden Weg, um den die Muslime beten und bitten sollen:

صِرَاطَ الَّذِينَ أَنْعَمْتَ عَلَيْهِمْ غَيْرِ الْمَغْضُوبِ عَلَيْهِمْ وَلَا الضَّالِّينَ ﴿٧﴾

„den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden!“ (Der edle Koran 1:7)

Das ist der gerade Weg der Dienerschaft, der zu Allah führt am Ende aller geschaffenen Kausalketten, wodurch das menschliche Leben seinen Sinn findet, in etwas, das in all seinen Aspekten höher steht und außerhalb seiner selbst liegt.

Wie aber gehen die Menschen mit dem Sinn ihres Daseins um? Ein großer Teil der Menschheit sucht den Sinn des Lebens in Dingen, die nur ein Teilaspekt des Lebens sind, die in der Folge des Lebens entstanden sind und nicht an seinem Anfang stehen. Sie haben all ihr Streben auf einem Zirkelschluss, einem Teufelskreis aufgebaut. Allah sagt im edlen Koran:

أَلَمْ أَعْهَدْ إِلَيْكُمْ يَا بَنِي آدَمَ أَن لَّا تَعْبُدُوا الشَّيْطَانَ ۖ إِنَّهُ لَكُمْ عَدُوٌّ مُّبِينٌ ﴿٦٠﴾

„Habe Ich euch, o Kinder Adams, nicht als Verpflichtung auferlegt, dass ihr nicht dem Satan dienen sollt – gewiss er ist euch ein deutlicher Feind“ (Der edle Koran 36:60)

Der Teufelskreis ist also durchaus nahe liegend. Am Anfang des Lebens steht Allah, im Gefolge des Lebens stehen Reichtum, Vergnügen, Nachkommen, Kunst, Sport – allesamt Dinge, die das vorhandene Leben angenehmer, einfacher machen oder auch wie im Falle von Nachkommenschaft fortführen, jedenfalls aber nicht hervorgebracht haben. Allah sagt: 

الْمَالُ وَالْبَنُونَ زِينَةُ الْحَيَاةِ الدُّنْيَا ۖ

„Der Besitz und die Kinder sind der Schmuck des diesseitigen Lebens. (…)“ (Der edle Koran 18:46)

Besitzt, Reichtum und Kinder werden als Schmuck beschrieben, und nicht als der eigentliche Sinn, die Essenz, das Wesen und der Daseinsgrund. Diese Sinnentstellung ähnelt dem Fall einer Behörde, wie beispielsweise das Verteidigungsministerium, deren Mitarbeiter den eigentlichen Grund ihrer Tätigkeit völlig vergessen haben und stattdessen in ihren Büros mit dem säubern der Computers, dem Polieren der Tische und dem Funktionieren des Kaffeeautomatens beschäftigt sind. Selbst der Verteidigungsminister hat voll und ganz das Ziel aus den Augen verloren und kontrolliert nur noch regelmäßig diese Tätigkeiten, lässt ständig sein Namensschild erneuern und entwirft neue Muster für seine Visitenkarten. Erst wenn solche Menschen von der Regierung zur Verantwortung gezogen werden, merken sie, dass sie ihre eigentliche Aufgabe hinter Details vergessen haben, die ihren Sinn lediglich durch eben diese Aufgabe bekommen haben! 

Ein Verteidigungsminister, der sich nicht der Verteidigung widmet, braucht weder saubere Computer noch Visitenkarten, die zwar Vorstufen für das reibungslose Funktionieren der Bürokratie und Abwicklung der Aufgaben (also Glieder in einer Kausalkette) sind, die aber keinen Letztsinn in sich tragen. Und genauso wird es den Menschen am Jüngsten Tag ergehen, die hinter dem „Schmuck des Diesseits“ vergessen haben, dass der Sinn des Diesseits nur in etwas Übergeordnetem, in etwas Größerem, nämlich im Dienst an Allah und im Jenseits liegt.

Möge Allah Seine Diener vor diesem Schicksal schützen.


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Hilafet-i İslamiyye
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